Fotos erzählen Geschichte(n)

"Fuchs, Du hast die Gans gestohlen..." oder: Vom Pastorat zum Bürgerhaus

 

"Trittau - Rathaus" steht auf der alten Postkarte und das Motiv, das sie zeigt, prägt noch heute das Ortsbild. Heute kennen wir das Gebäude als Bürgerhaus, dem Zentrum für Jugendliche und Senioren. Von wann die Postkarte datiert, ist unklar. Vermutlich stammt sie aus den 50er Jahren: Trittaus Hauptstraße, auf der der Verkehr heute überquillt, ist noch gepflastert, ein Auto ist nicht einmal zu sehen. An dem Gebäude selbst hat sich bis heute nicht viel verändert. Im Laufe seiner 140-jährigen Geschichte aber hat es so manches erlebt. Und wer genau hinsieht und die Postkarte mit dem heutigen Hause vergleicht, wird ein markantes Detail vermissen. Das berühmte Volkslied "Fuchs, Du hast die Gans gestohlen..." hat damit eine Menge zu tun.


Ursprünglich war das Bürgerhaus einmal Pastorat. Schon seit 1679 stand es an dieser Stelle, zuvor lag es direkt neben der Kirche. Am Pfingstsonntag 1859 geschah dann das Unglück: das Pastorat brannte bis auf die Grundmauern nieder. Also beschloß man, ein neues zu bauen: unser heutiges Bürgerhaus! 1860 wurde es bezogen. Zum Gewese gehörten neben einem großen Kohlgarten noch eine große Scheune, die sogenannte "Pastorenscheune", und ein Backhaus.
Denjenigen, die sich ein wenig für die Trittauer Geschichte interessieren, dürfte auch der Name des berühmten Mannes, den das Haus dann bald beherbergte, ein Begriff sein: Pastor Alfred Jessen. Jessen war es, der das erste umfassende Werk zur Trittauer Geschichte verfasste. Seine "Geschichte des Kirchspiels und Amtes Trittau" erschien posthum 1914, noch heute ist es im Reprint erhältlich.
Im Jahr 1933 wurde das Haus dann seiner nächste Bestimmung übergeben. Die Kirche verkaufte es an die weltliche Gemeinde, die hier die Gemeinde- und Amtsverwaltung unterbrachte. Bei den Ausmaßen heutiger Verwaltungstätigkeit ist es wohl kaum mehr vorstellbar, daß von hier aus einmal das ganze Amt verwaltet wurde.
In den dreißiger Jahren nimmt auch die Geschichte ihren Anfang, in deren Mittelpunkt ein streitbarer Bürger, und an deren Ende das markante Detail des Hauses steht, das auf dem Foto noch nicht zu sehen ist. Was auf dem Foto fehlt, sie werden es längst bemerkt haben, ist die Uhr im Giebel des Hauses. Und bei dem streitbaren Bürger handelt es sich um: Oscar Fadum.
Fadum war kein gebürtiger Trittauer, sondern ein Zugereister. Als junger Mann ging er nach Südamerika und brachte es dort zu Geld. 1936 kehrte er nach Deutschland zurück und siedelte sich als wohlhabender Mann auf dem elterlichen Karnaphof an. Fadum hatte, wohl nicht zuletzt durch seinen Aufenthalt in Südamerika, einen freiheitsliebenden und individuellen Geist. Insbesondere behördliche Vorschriften und Willkür waren so gar nicht nach seinem Geschmack. Schon bald entzündete sich daran die Begebenheit, die in Trittau als "Gänsekrieg" bekannt ist.
Fadum besaß nämlich genau zwölf Exemplare dieses Federviehs. Als eine Viehzählung stattfand, gab er sie nicht an. Die Sache kam heraus und die Verwaltung schritt zur Tat. Sie beschlagnahmte Fadums Gänse und gab sie bei dem damaligen Ortsbauernführer in Pension. Doch da hatte sie die Rechnung ohne Oscar Fadum gemacht! Fadum engagierte kurzerhand einen Trompeter und ließ ihn einen ganzen Tag lang vor dem Verwaltungsgebäude auf und ab gehen und das Lied "Fuchs, Du hast die Gans gestohlen!" spielen. Die Gemeinde bewies Humor. Sie schickte nun ihrerseits einen Musiker vor den Karnaphof. Er blies auf seiner Trompete: "Üb' immer Treu und Redlichkeit!"
Der Sieg in diesem Gänsekrieg aber fiel an Oscar Fadum. Nach zähen Verhandlungen verfügte das Kreislandwirtschaftsamt, daß die beschlagnahmten Gänse zurückzugeben seien. Fadum ließ ein großes Schild malen, auf dem er die "Behördenwillkür" anprangerte, und zog samt Gänsen und Musikern in einem Triumphzug durch Trittau.
Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges wurde es eng in Trittau. Flüchtlinge kamen und mußten untergebracht werden. Und auch in dem Gebäude der Gemeindeverwaltung mußte man zusammenrücken. 1948 zog das Arbeitsamt mit ein. Es war nur ein kurzes Gastspiel, schon 1954 bezog das Arbeitsamt ein neues Gebäude in der Rausdorfer Straße.
Bald wurde das Haus auch für die Verwaltung zu klein. Nachdem man 1972 die Ämter Trittau und Lütjensee zusammengelegt hatte, wuchsen Aufgaben und Personal, so daß 1977 die neue Gemeindeverwaltung am Europaplatz eingeweiht wurde. Damals erhielt das Bürgerhaus dann seine Bestimmung, die es noch heute hat. Nach langen Beratungen und auf Druck des "Fördervereins Jugendzentrum" stimmte die Gemeinde der Bildung des "Bürgerhauses" als Treffpunkt für Jugendliche und Senioren zu.
Und die Geschichte mit der Uhr? Hier kommt wieder Oscar Fadum ins Spiel. Der Mann, dem Behörden ein Graus waren, brachte sich nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges aktiv in das Gemeinwesen ein. 1949 ließ sich Fadum als Parteiloser in die Gemeindevertretung wählen. Er richtete öffentliche Sprechstunden bei sich ein, in denen jeder Trittauer mit seinen Sorgen zu ihm kommen konnte. Statt "Gegen die Behörden" war nun "Für die Bürger" seine Devise. Irgendwann stiftete Fadum schließlich die Uhr, die heute den Giebel des Bürgerhauses schmückt. Vielleicht als eine Art Wiedergutmachung für den gewonnenen Gänsekrieg...
Oliver Mesch
Der Autor ist Archivar der Gemeinde und des Amtes Trittau.

 

Foto: Archiv der Gemeinde und des Amtes Trittau